Krawattennazis. Peter Langer
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Название: Krawattennazis

Автор: Peter Langer

Издательство: Bookwire

Жанр: Языкознание

Серия:

isbn: 9783942672870

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СКАЧАТЬ der Ratssitzung gesessen hatte. Grimmelmann. Grimmelmann der Öko. Grimmelmann, der große Friedensfürst, der kein Leben auf der Welt vernichten wollte. Niemals. Aber auch: Grimmelmann, der Vater eines schwerbehinderten Sohnes. Grimmelmann, der Familienchef, der niemals etwas im Leben tun würde, was seine Familie alleine im Regen stehen lassen würde. Nun, in dieser Situation sind ihm allerdings die Nerven durchgegangen. Grimmelmann hatte Lieberknecht angeschrien und schien sich kaum noch fangen zu können. Die Sitzung, die bis dahin eher unspektakulär verlaufen war, musste abgebrochen werden. Grimmelmann wurde beiseite genommen, seine gesamte Fraktion hatte auf ihn eingeredet und versucht, ihn zu beruhigen. Emde konnte sich die Szene kaum vorstellen. Wahrscheinlich war neben den vielen Worten der ausgestreckte Zeigefinger das Bedrohlichste gewesen, was Grimmelmann zu bieten hatte. „Was meinen Sie mit schon sehr zugesetzt?“, fragte Freese. Döhrenbach sah sie verständnislos an. „Wieso fragen Sie das? Sie waren vielleicht noch nie in einer vergleichbaren Situation, Frau Freese.“ Er lehnte sich zurück, schnaubte und schüttelte – Verständnislosigkeit signalisierend – den Kopf. „Mein Chef sah sich unmittelbarer Waffengewalt ausgesetzt. So etwas bleibt hängen. Da wacht man nachts auf, geplagt von Albträumen.“ Döhrenbachs Stimme nahm leicht an Lautstärke zu. „Sind Sie schon einmal mit einer Waffe bedroht worden?“ Emde stutzte und sah überrascht von seinen Notizen auf. Unmittelbare Waffengewalt? Mit einer Waffe bedroht worden? Da stimmte doch etwas nicht. Wer so von einer Waffe sprach, meinte damit sicherlich kein Küchenmesser. Grimmelmanns Zeigefinger war gewiss auch keine Waffe. Und was war mit unmittelbarer Waffengewalt gemeint? Grimmelmann übt doch keine unmittelbare Waffengewalt aus! Freese schüttelte ebenfalls unmerklich mit dem Kopf, während Emde sich auf seinem Stuhl aufrichtete. Er warf seiner Kollegin einen schnellen Blick zu, der sie ermahnen sollte, zu schweigen. „Herr Döhrenbach. Hören Sie mir jetzt gut zu.“ Seine Stimme war ganz ruhig und klar, er sah dem Pressesprecher fest in die Augen. „Sprechen wir hier von derselben Situation? Der Ratssitzung und dem verbalen Angriff durch den Fraktionschef der Grünen am Diemelsee, Herrn André Grimmelmann?“ Er wartete kurz ab. „Oder ist Herr Lieberknecht zu einem anderen Zeitpunkt ein weiteres Mal bedroht worden. Vielleicht sogar mit einer Schusswaffe?“ Er schaute den Pressesprecher fragend an und zog dabei die Augenbrauen nach oben. Für eine endlos scheinende Zeitspanne war das leichte Rauschen der Lüftung das einzige Geräusch, das zu hören war. Döhrenbach sah ihn fassungslos an, sich selbst ohne jeden Zweifel bewusst werdend, dass er eine unglaubliche Dummheit begangen hatte und ohne jedes Wenn und Aber erkennend, dass die anderen das auch bemerkt hatten. Sein Blick ließ keine andere Deutung zu. Ihm war deutlich anzusehen, dass er einen Ausweg suchte. Du Idiot! dachte Emde, schon ahnend, welchen Verlauf das weitere Gespräch nehmen wurde. Typen wie Döhrenbach würden niemals eine Schwäche einräumen. Die Klappe war zu. Der Sprecher hatte das Sprechen aufgehört.

      „Dieser Idiot“, schimpfte auch Nofri noch, als bereits die ersten Hinweisschilder der Autobahnabfahrt nach Marsberg auftauchten. „Was ist das für ein Pressesprecher, der sich so dermaßen derbe verquatscht! Ich fasse das nicht.“ Emde ließ den Fortgang des Gesprächs noch einmal Revue passieren. Nein, nein, es musste ein Irrtum sein, hatte Döhrenbach weiter laviert. Nein, niemals sei Herr Lieberknecht zu einem anderen Zeitpunkt als damals in der Ratssitzung bedroht worden. Sicherlich hätte sich da das Ermittlerduo verhört oder seine Mimik missinterpretiert. Nein, natürlich würde er, Döhrenbach, jetzt die Wahrheit sagen. Er wüsste auch nicht, von was er Anderem gesprochen haben sollte als der Situation während der Ratssitzung. Doch, doch, das Unternehmen Prospersoil Germany trauere um seinen Aufsichtsratsvorsitzenden und großen Anteilseigener. Es gebe natürlich seitens des Unternehmens keinerlei Ideen, wer für das Verbrechen verantwortlich gemacht werden könnte, noch gäbe es irgendwelche Hinweise, welche Hintergründe der feige Mordanschlag an so einem hoch geschätzten Herrn haben könnte. Lieberknecht, so schloss dessen Sprecher, würde nun betrauert und vermisst, ein Nachfolger müsste gefunden werden, der diese Lücke auffüllte. Man hätte bereits erste Sondierungen gemacht und jemanden im Visier, doch die Fußstapfen, nun, sehen Sie, die Fußstapfen, sie sind doch arg groß. „Erstaunlicherweise hat er sich ja dann doch noch ganz gut gefangen“, sagte Emde. Der Pressesprecher hatte wieder auf sein Territorium zurückgefunden und die Ermittler dann kalt abgeduscht. Nofri nickte. Döhrenbach hatte schließlich auf seine sichtbar teure Uhr geschaut, ein mächtiger Armbandwecker mit blinkender Lünette und Lupe für die Datumsanzeige, und sich entschuldigt. „Termine, wissen Sie? Wir haben noch mehrere Meetings gleich im Anschluss“. Er hatte sich sogar das „Schönen Feierabend für Sie“ nicht verkneifen können, als sie sich verabschiedeten. Und schon war die Gestalt im smart-fit-geschnittenen Anzug den Gang entlang gerauscht. Die Fahrstuhltür ging auf und die Ermittler fuhren hinab ins Foyer. Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer.

      „Immerhin wissen wir jetzt, dass Lieberknecht schon vorher wegen irgendetwas bedroht worden ist. Offenbar ziemlich massiv. Und wir wissen, dass das bei Prospersoil bekannt ist, aber sich keiner traut, offen darüber zu sprechen. Auch nicht dieser selfsmarte Döhrenbach. Ein feiner Laden ist das. Und so etwas bei uns in Kassel.“ Sie schnaubte. Emde überholte einen Tanklastzug, der langsam auf der rechten Spur eine Steigung der A44 hinaufkroch. Er musste daran denken, dass die Stadt an der Fulda ihren unbeschwerten Namen als Documenta-Standort seit dem Mord an ihrem damaligen Regierungspräsidenten vor einigen Jahren für alle Zeiten eingebüßt hatte. „Also können wir vermuten, dass es möglicherweise um ein Prospersoil-Projekt ging oder eben mit einer Person zu tun hatte, die ebenfalls eng mit dem Unternehmen verbunden ist“, folgerte Freese. Sie blickte auf den Organisationsplan, den Döhrenbach ihnen mitgegeben hatte. Emde nickte. Für einige Minuten schwiegen die beiden Ermittler. Freese schaute zum Seitenfenster hinaus. Die Autobahn verlief nun für einige Kilometer durch Nordrhein-Westfalen, in einiger Entfernung war Warburg zu sehen. Ihr Plan war, über Wirmighausen zu fahren. Emde würde dort Kleine treffen, mit dem er nach Adorf zur Ratssitzung fahren würde. Freese würde mit dem Wagen nach Korbach weiterfahren. „Die Witwe muss etwas darüber wissen.“ Nofri sah ihn zweifelnd an. „Meinst du etwa, die unterstützt uns in unseren Ermittlungen? Ich habe da so meine Zweifel, nachdem, was du erzählt hast von der Begegnung heute Morgen …“ Doch Emde wählte bereits die Nummer, die er am Tag zuvor notiert hatte. Keine Zeit zu verlieren! Immerhin war es nicht unwahrscheinlich, dass der Sprecher seine Sprache wiedergefunden und die Witwe bereits informiert hatte, zweifellos gab es auch da Verbindungen, die schön vor den Ermittlern verborgen wurden. Doch nach dem fünfzehnten Freitonzeichen gab er auf. Entweder war sie nicht zu erreichen oder ging bewusst nicht ans Telefon. Immer noch die beste Art, keine Geheimnisse preiszugeben, dachte der Ermittler. Freese sollte es im Laufe des frühen Abends weiterhin versuchen.

      Er schaltete das Radio ein, die letzten Takte eines Hits aus den achtziger Jahren verklangen gerade. War das nicht eine Band aus Skandinavien gewesen? Er kam gerade nicht auf den Titel, wusste aber ganz genau, was er in dem Jahr gemacht hatte, als das Stück in den Hitparaden rauf und runter lief. Mensch, ist das lange her! Helmut Kohl war Kanzler und Boris Becker ein unangefochtenes Tennis-Ass – und sonst nichts. Wir lasen die Bravo hinter der Festhalle, weil unsere Eltern das woanders nicht zulassen würden, tranken heimlich das erste Bier – warm! Ansonsten zählte nur, wie die deutsche Nationalelf alle vier Jahre bei der WM abschnitt. Weltbewegendere Probleme gab es für den Teenager, der Emde damals war – im Dorf nannte man sie damals wirklich noch „Rocker“ ohne den heute üblichen negativen Begleitklang – nicht. Es war nicht die schlechteste Zeit. Merkwürdig, welche Bahnen die Assoziationen manchmal schlugen. Erst der Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 machte ihnen schlagartig klar, dass es da draußen noch eine andere, wenig heitere Welt gab. „Was hörst du eigentlich so für Musik?“ Freese blickte erstaunt zu ihm rüber. Hoffentlich denkt sie jetzt nicht, das wäre ein Anmachversuch, verfluchte Emde seinen plötzlichen Einfall, etwas mehr über sein neues Teammitglied zu erfahren. Und Musik war doch immer ein guter Aufhänger, vor allem, wenn der andere sich bereits über Kaffeetassen zu einer bestimmten Richtung bekannte. Oder nicht? „Jazz“, antwortete Freese. Emde hatte die Antwort schon geahnt. Er erinnerte sich an den Kaffeebecher. „Soul und Jazz. Und alles, was dazwischen liegt.“ Emde nickte, doch diese Musikrichtung sagte ihm eigentlich überhaupt nichts. Bei Jazz dachte er an Dixielandkapellen mit älteren Männern, meist Lehrern, die in ihrer Freizeit Brokatwesten, weiße Hemden und Strohhüte trugen, und die an einem Frühlingsmorgen am Berndorfer Tor in Korbach spielten, wenn СКАЧАТЬ