Hände weg!?. Joachim Kügler
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Название: Hände weg!?

Автор: Joachim Kügler

Издательство: Bookwire

Жанр: Документальная литература

Серия:

isbn: 9783429061135

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СКАЧАТЬ der biblische Kanon für ein Gebilde ist, muss man sich klarmachen, dass es weder im Frühjudentum noch in der frühen Kirche eine zentrale Autorität – wie Synode oder Papst – gab, die hätte entscheiden können, welche Texte zur Bibel zu rechnen sind. Es waren vielmehr bestimmte Gewohnheiten, die sich allmählich durchsetzten, weil sie offensichtlich eine gewisse Plausibilität hatten – zumindest für die Gruppen und Kreise, die für die Traditionspflege wichtig waren. Für das Lesen wäre es natürlich wichtig, die Leitidee zu kennen, die darüber entschied, ob ein Text akzeptiert und aufgenommen wurde oder nicht. Was die Bildung des Neuen Testaments angeht, so gab es sicher verschiedene Kriterien. Eines war die Überzeugung von der Einheit Gottes, der die Welt im Prinzip gut geschaffen hat. Deswegen wurden Texte aussortiert, die einen bösen Schöpfergott von einem guten Erlösergott unterschieden. Eine andere Leitidee war die Realität der Menschwerdung. Texte, die irgendwie nahelegten, dass eine göttliche Person in Jesus nur scheinbar oder vorübergehend als Mensch erschien, wurden abgelehnt. Daneben spielten aber sicher auch Autoritätsmomente eine Rolle. Das heißt, es wurden Texte aufgenommen, weil man sie einem bestimmten Autor zuordnete. Das bedeutet, dass es durchaus sein könnte, dass man die Pastoralbriefe nicht aufgenommen hätte, wenn man gewusst hätte, dass sie nicht wirklich von Paulus sind. Auch der (religiös ziemlich inhaltsarme) Dritte Johannesbrief dürfte seinen Platz im Neuen Testament der Tatsache verdanken, dass man seinen Verfasser mit dem vierten Evangelisten und diesen mit dem Apostel Johannes (Sohn des Zebedäus) identifizierte.

      Die eigenartige, historisch gewachsene Struktur stellt für die Lesenden eine große Herausforderung dar, die einer Bergwanderung nicht unähnlich ist. Zwar hängen die Berge alle irgendwie mit den anderen zusammen, aber die Wege von einem Gipfel zum anderen sind selten gerade, meistens verschlungen. Oft gibt es mehrere Möglichkeiten, aber deswegen ist doch nicht jeder Weg möglich. Wer im Gebirge den Absturz vermeiden will, muss genau auf das Gelände achten und immer bereit sein, dazuzulernen. Das gilt übertragen auch für das Bibellesen. Wer da den Absturz in das Missverständnis (oder gar den Unsinn) vermeiden will, muss ebenfalls darauf achten, welche Wege möglich sind. Natürlich kann ich theoretisch alles mit den Texten machen und alles mit allem kombinieren. Der Text kann sich gegen keine Vergewaltigung wehren, aber wenn ich hören und verstehen will, dann muss ich darauf achten, welche Wege zwischen den Texten gangbar sind. Wenn ich den Text als Kommunikationspartner respektiere, dann frage ich also, welche Beziehungen zwischen den biblischen Texten selbst angelegt sind. Das ist manchmal mühsam und verlangt viel Selbstdisziplin.

      viele Textsorten

      Schließlich sei noch angefügt, dass wir es bei den Texten der Bibel auch noch mit ganz unterschiedlichen Gattungen zu tun haben. Da gibt es Erzählungen, Gesetzessammlungen, Mythen, Gebete, Lieder, Sprichwörter, Gottesdienstordnungen, (echte und falsche) Briefe, Gleichnisse, Visionen usw. Und selbstverständlich will jede Gattung so gelesen werden, wie es ihr angemessen ist. Bei profaner Literatur ist uns das selbstverständlich. Kaum jemand wird ein Theaterstück wie einen Gesetzestext lesen oder eine Gebrauchsanweisung wie ein Liebesgedicht. Wenn wir es trotzdem tun, dann kann kein Text uns daran hindern, aber wir sollten wenigstens wissen, was wir tun und warum unser Leseergebnis sich sehr unterscheidet von dem, was andere entdecken. Bei der Bibel dagegen ist vielen eine solche Sensibilität für die Gattung des Textes ziemlich fremd. Da ist es – um im Bild zu bleiben – durchaus üblich, das Liebesgedicht wie ein Kochrezept zu lesen und den Samstagskrimi wie die Tagesschau. Das muss schiefgehen!

      Die Bibel ist also aufs Ganze gesehen ein hochkomplexes Gebilde, das eher einem Wurzelgeflecht gleicht. Die Bibel ist keine leichte Lektüre. Sie verlangt eine hohe Kompetenz der Lesenden. Enttäuschung garantiert sie allen, die erwarten, dass ein freundlicher Erzähler – allwissend und zuverlässig – sie am Anfang an die Hand nimmt, sie auf geradem Wege durch den Text begleitet und sie am Ende unbeschadet wieder entlässt.

      Bei der Bibel darf man das Gehirn nie abschalten. Aufmerksames und wachsames Lesen ist gefordert – und Selbstständigkeit. Denen, die es gerne leicht haben beim Lesen, sei deshalb vom Bibellesen dringend abgeraten.

      … nichts für Laien!

      Wer die Bibel liest, liest alte Texte. Zwar hält die moderne Bibelwissenschaft das Alte Testament nicht mehr für so alt, wie man früher dachte. Die Experten/-innen datieren den Beginn der schriftlichen Fixierung heute eher in das 8. Jh. v. Chr. Als die älteste datierbare Schrift gilt das Buch des Propheten Amos, ca. 750 v. Chr. Aber der zeitliche Abstand zu heute ist trotzdem gewaltig. Damit einher geht ein kultureller Abstand, der für viele, die sich heute an die Bibel heranwagen, extreme Verständnisprobleme mit sich bringt. Selbst wenn ich mich mit hoher Sensibilität für die Textstruktur und das interne Beziehungsgeflecht ans Lesen mache, werde ich schnell an Stellen kommen, die ich einfach nicht verstehen kann, weil mir das kulturelle Wissen, das der Text voraussetzt, fehlt.

      Und gerade die besonders aufmerksam Lesenden, die den Text wirklich wahrnehmen und auf ihn hören möchten und nicht einfach ihre eigenen Gedanken und Vorurteile in den Text hineinzwängen wollen, gerade die werden schmerzlich feststellen müssen, dass sie mit ihrem Verstehen immer wieder an schier unüberwindliche Grenzen stoßen. Da ich, wie ich eingangs gestanden habe, Bibelwissenschaftler bin, könnte das bisher Gesagte den Eindruck erwecken, dass ich die „normalen“ Menschen vom Bibellesen abhalten möchte, weil die Bibel eben nur etwas für Experten ist. Das ist nicht der Fall, aber ich bin schon der Meinung, dass man sich – so weit es möglich ist – Hintergrundinformationen holen sollte, wenn man sich ans Lesen der Bibel macht.4

      eine Frage des Wissens

      Allein dadurch, dass die alten Texte der Bibel in einigermaßen exotischen Sprachen geschrieben sind, sind Nichtfachleute vom Lesen der Originaltexte ausgeschlossen. Nur wenige können Hebräisch, Aramäisch oder Altgriechisch! Alle anderen sind auf Übersetzungen angewiesen, die sie nicht kontrollieren können. Und wer dann auch noch etwas über diese alten Texte wissen will, ist völlig abhängig von dem, was die Bibelwissenschaft sagt. Ein großer Teil ihrer Arbeit ist aber so spezialisiert, dass Außenstehende davon nichts verstehen können. Das ist bei anderen Wissenschaften auch so. In Bezug auf die Bibel sendet das hohe wissenschaftliche Niveau die Botschaft aus, dass es eigentlich keinen Sinn hat, dass Nichtfachleute versuchen, die Bibel selbst zu lesen. Ist es daher nicht besser, die Beschäftigung mit diesem Buch ganz denen zu überlassen, die etwas davon verstehen? Würden wir denn etwa jemanden an der Hüfte operieren, obwohl wir keine chirurgische Ausbildung haben? Das fänden wir doch eine ziemlich abwegige Idee.

      Wenn Laien (im wissenschaftlichen Sinn) die Bibel lesen, dann machen sie sich halt so ihre Gedanken, die Bibelwissenschaft aber versucht, mit wissenschaftlichen Methoden den Sinn eines Textes zu erfassen.

      Darf also solche Wissenschaft nicht berechtigterweise den Anspruch erheben, ihr Umgang mit dem Bibeltext sei zumindest besser als andere Arten, die Bibel zu lesen? Erledigt sich mit einem solchen wissenschaftlichen Qualitätsanspruch das Lesen der Laien nicht von selbst? Ist es nicht besser, dass „Normalglaubende“ den Textsinn von der Bibelwissenschaft übernehmen, anstatt selbst in der Bibel lesen zu wollen? Wer hat schon die Zeit, sich mit (populär) wissenschaftlichen Büchern in die kulturellen Hintergründe der biblischen Welt einzuarbeiten und dann auch noch das mühevolle Lesen dieses komplizierten Textgewebes (siehe oben!) auf sich zu nehmen?! Genügt es nicht, zu wissen, dass es Menschen gibt, die wissen, worum es in der Bibel geht?

      eine Frage der Macht

      Außerdem könnte ich auch noch aus ganz anderen Gründen gegen das Bibellesen sein. Immerhin sind biblische Texte ja nicht irgendetwas, sondern sie bilden (in der Kombination des Alten Testaments mit dem Neuen Testament) den Kanon der christlichen СКАЧАТЬ