Sinclair Lewis: Die großen Romane . Sinclair Lewis
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Название: Sinclair Lewis: Die großen Romane

Автор: Sinclair Lewis

Издательство: Bookwire

Жанр: Языкознание

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isbn: 4066338121196

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СКАЧАТЬ des Besitzes beibringt. Und ich glaub' auch, diese Theologie ist in Ordnung; 'ne Menge gescheite alte Hühner haben sich das Ganze ausgedacht, und die haben mehr davon verstanden als wir.« Er glaubte an die christliche Religion und dachte nie an sie; er glaubte an die Kirche und kam selten in ihre Nähe; er war entsetzt von Carolas Glaubenslosigkeit und war nicht ganz sicher, was für ein Glaube es eigentlich war, der ihr fehlte.

      Carola war eine unbequeme und eifernde Agnostikerin.

      An diesem Augustsonntag hatte sie sich von der Ankündigung verlocken lassen, daß der Reverend Edmund Zitterel über das Thema predigen werde: »Amerika, blick deinen Problemen ins Auge!« Der Weltkrieg, in allen Völkern Arbeiter, welche die Industrie in die Hand zu bekommen wünschten, in Rußland die Möglichkeit einer Linksrevolution gegen Kerenski, das kommende Frauenstimmrecht – es schien eine Menge Probleme zu geben, zu deren Betrachtung der Reverend Herr Zitterel Amerika auffordern konnte.

      Der Priester war ein magerer, brünetter, junger Mann mit Ponyfrisur. Er hatte einen schwarzen Sakkoanzug an, dazu eine lila Krawatte. Es stellte sich heraus, daß die einzigen Probleme, denen Amerika ins Auge zu schauen hatte, das Mormonentum und die Prohibition waren.

      »… und hier glaube ich, müßte die Gesetzgebung einschreiten –«

      Bei dieser Stelle wachte Carola auf.

      Sie schlug drei Minuten tot, indem sie das Gesicht eines Mädchens vor ihr studierte und darüber nachdachte, wer das Mädchen sein könnte. Sie hatte sie bei Kirchen-Abendessen gesehen. Sie dachte daran, wie viele von den dreitausend Leuten im Ort sie nicht kannte; für wie viele von diesen der Thanatopsis und die Lustige Siebzehn Gipfel gesellschaftlicher Vornehmheit waren; wie viele unter Sorgen litten, die größer waren als die ihren – und mit mehr Mut getragen wurden.

      Sie untersuchte ihre Nägel. Sie las zwei Lieder. Es befriedigte sie ein wenig, einen juckenden Knöchel zu reiben. Sie bettete den Kopf des Kindes an ihre Schulter, das jetzt, nachdem es eine Weile die Zeit auf dieselbe Weise wie seine Mutter totgeschlagen hatte, so glücklich war, einzuschlafen. Sie sah sich um. Sie dachte, es würde liebenswürdig sein, Frau Champ Perry zu grüßen.

      Elektrisiert hörte ihr Kopf plötzlich auf sich zu drehen.

      Auf der anderen Seite, zwei Reihen weiter hinten, saß ein fremder junger Mann, der zwischen diesen wiederkäuenden Bürgern strahlte wie ein Gast von der Sonne – blonde Locken, niedrige Stirn, schöne Nase, ein Kinn, das glatt, aber nicht aufgerauht vom Sonntagsrasieren war. Seine Lippen erschreckten sie. Die Lippen der Menschen in Gopher Prairie liegen flach im Gesicht, gerade und mürrisch. Der Mund des Fremden war gewölbt, die Oberlippe kurz. Er hatte eine braune Wolljacke an, eine leuchtend blaue Schleife, ein weißes Seidenhemd, weiße Flanellhosen.

      Jemand aus Minneapolis, der aus geschäftlichen Gründen hier war? Nein. Das war kein Geschäftsmann. Das war ein Dichter. Keats stand in seinem Gesicht und Shelley, und Arthur Upson, den sie einmal in Minneapolis gesehen hatte.

      Mit unterdrückter Belustigung hörte er dem lärmenden Herrn Zitterel zu. Carola schämte sich, daß dieser Spion aus der großen Welt das Gefasel des Pastors hörte. Sie fühlte sich verantwortlich für den ganzen Ort. Sie ärgerte sich darüber, daß er über diese Privatriten lachte. Sie wurde rot, wandte sich ab. Aber auch dann noch fühlte sie, daß er da war.

      Wie konnte sie ihn kennenlernen? Sie mußte! Um eine Stunde mit ihm zu sprechen. Er war alles, wonach es sie hungerte. Sie konnte ihn nicht gehen lassen, ohne mit ihm geredet zu haben – und doch würde sie es tun müssen.

      Nach dem Gottesdienst stand sie auf, nahm sorglich Kennicotts Arm und lächelte ihm stumm zu: was immer auch geschehen sollte, sie würde ihm treu sein. Hinter den zartbraunen Wollschultern des Rätsels ging sie aus der Kirche.

      Fatty Hicks, der laute und dicke Sohn Nats, zeigte mit der Hand auf den schönen Fremden und höhnte: »Was macht das Bubi? Wieder mal fein herausgeputzt, was?«

      Carola hatte ein Gefühl der Übelkeit. Ihr Herold von der Außenwelt war Erik Valborg. »Elizabeth«.

      3

      Sie aßen bei den Smails zu Mittag. Carola fragte gleichgültig:

      »Äh – Will, ob' der junge Mann in den weißen Flanellhosen heute vormittag in der Kirche nicht der Valborg war, von dem alle Leute reden?«

      »Ja. Das ist er. Was der angehabt hat, was!« Kennicott kratzte einen weißen Fleck von seinem braunen Rockärmel ab.

      »Ich hab's gar nicht so schlimm gefunden. Wo er wohl herkommt? Er scheint ziemlich viel in Städten gelebt zu haben. Ist er aus dem Osten?«

      »Osten? Der? Nanu, der kommt von einer Farm hier oben im Norden. Seinen Vater kenn' ich flüchtig – Adolph Valborg – typischer, verdrehter, alter, schwedischer Bauer.«

      »So, wirklich?«

      »Ich glaub', er hat aber tatsächlich einige Zeit in Minneapolis gelebt. Hat dort sein Handwerk gelernt, und ich muß sagen, er hat auch irgend was los. Liest 'ne Menge. Pollock sagt, er holt sich mehr Bücher aus der Bibliothek als sonst wer in der Stadt.«

      Onkel Whittier bemächtigte sich des Gesprächs. »Der Bursche, der bei Hicks arbeitet? 'n Schlappschwanz ist er. 's geht mir auf die Nerven, wenn ich mit ansehn muß, daß 'n junger Kerl, der im Krieg sein oder sich wenigstens draußen aufm Feld ehrlich sein Brot verdienen sollte, wie ich's als junger Mensch gemacht hab', wenn so 'n Kerl Weiberarbeit tut und sich dann noch hinstellt und anzieht wie 'n Komödiant! Du lieber Gott, wie ich in seinem Alter war –«

      Carola dachte, das Tranchiermesser würde einen ausgezeichneten Dolch abgeben, um Onkel Whittier damit zu ermorden. Es würde so leicht hineingehen. Die Zeitungsüberschriften würden schrecklich aussehen.

      Kennicott blieb ruhig und sagte: »Oh, ich will nicht ungerecht gegen ihn sein. Ich glaub', er hat sich gestellt und untersuchen lassen. Er hat Krampfadern – nicht schlimm, aber so, daß er untauglich ist. Trotzdem muß ich sagen, er sieht mir nicht danach aus, als ob er besonders scharf drauf war', sein Bajonett einem Hunnen in den Bauch zu jagen.«

      »Will! Bitte!«

      »Na, er wird ja nicht. Sieht mir 'n bißchen schlapp aus. Und er soll auch, wie er sich am Sonnabend das Haar hat schneiden lassen, gesagt haben, er würde gern Klavierspielen können.«

      »Ist es nicht wunderbar, daß wir in so einem Ort wie hier alles voneinander wissen«, sagte Carola unschuldig.

      Kennicott war mißtrauisch, aber Tante Bessie, die gerade den Flammerie mit Himbeersauce auftischte, stimmte zu: »Ja, es ist wunderbar. In den fürchterlichen Großstädten können die Leute mit ihren Gemeinheiten und Sünden weiterkommen, aber hier nicht. Heute vormittag hab' ich beobachtet, daß der Schneider, wie Frau Riggs ihm angeboten hat, mit ihr in ihr Gesangbuch zu schauen, den Kopf geschüttelt hat, und während wir gesungen haben, hat er die ganze Zeit dagestanden wie ein Holzklotz und hat den Mund überhaupt nicht aufgemacht. Alle sagen, er bildet sich ein, daß er weiß Gott wieviel bessere Manieren und so weiter hat als wir, aber wenn er das gute Manieren nennt, na, dann weiß ich nicht!«

      Carola betrachtete wieder das Tranchiermesser, Blut auf dem schneeweißen Tischtuch müßte wunderschön aussehen.

      Dann: »Gans! Hysterische Phantastin! Sich Märchen erzählen – mit dreißig … Du lieber Gott, bin ich wirklich dreißig? Der Junge kann nicht СКАЧАТЬ