Am anderen Ende der Sehnsucht. Stefan G Rohr
Чтение книги онлайн.

Читать онлайн книгу Am anderen Ende der Sehnsucht - Stefan G Rohr страница 6

Название: Am anderen Ende der Sehnsucht

Автор: Stefan G Rohr

Издательство: Bookwire

Жанр: Языкознание

Серия:

isbn: 9783750231665

isbn:

СКАЧАТЬ Selbstverständlichkeit, die so positiv ausstrahlte, dass es Leon mehr als imponierte.

      Und natürlich hatte er sich vorgenommen, Isabella in ihrem Lädchen sobald es ging wieder zu besuchen. Das hatte er ihr sodann auch versprochen, jedoch mit eine vorsichtigen Betonung auf den Umstand, dass ihr kleiner Verkaufsladen, das puppenhafte Häuschen, das eigentlich ja nur ein halbes war, so angenehm abseits der Touristenrouten lag, auch die Sonne dort recht günstig einzufallen schien, und ihm natürlich der Wein ganz exzellent mundete. Und als sie ihm daraufhin ein besonders warmes Lächeln schenkte, da wurde Leon tatsächlich etwas rot im Gesicht, und er war sich auf einmal unsicher, ob er vielleicht nicht ein wenig zu offensichtlich sein Wohlbefinden bekundet haben würde.

      Als er die Villa erreichte und durch den Vorgarten zum Eingang kam, vernahm er Frau Theissen in ihrer Küche handwerkeln. Das Abendessen wäre demnach wohl auch in Kürze bereit, und so ging Leon schnell in sein kleines Appartement, um sich frisch zu machen und auch das Hemd zu wechseln. Kurz darauf nahm er bereits wieder die Stufen nach unten, schlenderte durch die immer noch leere Lobby in den großen Raum, den Frau Theissen mit einer leicht bebenden Feierlichkeit in ihrer Stimme als „Speisesaal“ bezeichnet hatte.

      Er war der erste Gast, der den Raum betrat. Der Tisch – vielmehr hätte diesem jedoch der Begriff `Tafel´ zugestanden - war gedeckt, die Gardinen zur zweiflügeligen Terrassentüre aufgezogen, und die gerade hinter den Weinbergen versinkende Sonne warf ihr letztes Licht in den Raum, welches diesen in einen warmen roten Ton tauchte, in dessen Lichtstrahlen ein paar schwebende Staubkörner zu entdecken waren. Die Decke des Raumes war mit einer alten Täfelung aus Eichenkassetten verziert, die dem Ganzen ein tatsächlich fürstlich wirkendes Ambiente verlieh. Inmitten des prächtigen Zimmers hing ein Leuchter aus Kristall, nicht allzu pompös, gerade der Größe des Raumes angemessen, ohne dabei aber zu bescheiden zu wirken. Die Tafel, die, wie es Leon nun abzählen konnte, für sechs Personen gedeckt war, war mit einem brokatenen Tischläufer belegt, in der Mitte erhob sich ein schwerer Kerzenleuchter, der gewiss aus massiven Silber gefertigt war. Das Porzellan war elfenbeinfarben, kunstvoll mit einem leichten Blumendekor verziert, an den Rändern mit einem Goldkranz veredelt. Das akkurat beigelegt Besteck musste sicher einhundertfünfzig Jahre alt sein, ebenfalls aus Silber, und jedes Teil mit einem Monogramm graviert. Wein- und Wassergläser, beide mit einer leichten Rauchfärbung, waren aus Bleikristall und das ganze Arrangement hätte ebenso gut in das Landgut eines Edelmannes gepasst, so gediegen und wertig sah alles aus.

      In einer Ecke stand eine glänzende Mahagoni-Kommode, deren Schellackversiegelung das letzte Sonnenlicht zu spiegeln vermochte. Auf dieser thronte ein altes Grammophon, dessen metallener Schalltrichter in den Raum gerichtet war, und Leon hätte sich jetzt nicht gewundert, wenn blecherne Musik aus den goldenen Zwanzigern, ein Charleston zum Beispiel, jetzt ertönen würde.

      Daneben lag der Kamin, dessen Umrahmung in grauem und geschliffenen Felsstein gefasst war, ganz wie es in dieser Region wohl in besseren Häusern üblich war. Darüber hing ein großes Ölgemälde, auf dem ein bunter Fliederstrauß in Spachtelarbeit abgebildet war, mit weißen und lila Blüten, in einer Vase, die Leon der Epoche des Art-Deko zuordnen konnte.

      Und nun sah er auch die beiden schweren Ohrensessel, zwischen denen ein Tischchen platziert war, auf dem eine kleine hübsche mit Intarsien verzierte Holzkiste stand. Er vermutete sogleich, dass hierin wohlmöglich einmal Zigarren gelagert waren, die sich der Herr des Hauses mit seinem Besuch nach dem Essen anzuzünden pflegte.

      Seine Blicke wanderten noch einmal im Raum herum. Fast ein wenig Ehrfurcht erfasste Leon dabei, und ein wohliges, dann aber zugleich auch wieder unbehagliches Empfinden ergriff seine Magengrube mit einem Mal.

      „Gefällt Ihnen unser Speisesaal nicht?“ Frau Theissen hatte unbemerkt den Raum betreten und stand nun im knappen Abstand hinter Leon.

      „Oh, doch!“ rief dieser unmittelbar. „Ganz und gar ein wunderbares Zimmer!“ bekundete er aufrichtig. „Es ist nur …“

      „… ein wenig Respekt einflößend, nicht wahr?“ ergänzte Frau Theissen wissend.

      Leon zögerte. Doch ja, sie hatte damit wohl Recht. Irgendwie nahm man sich respektvoll zusammen, der Raum wirkte mit einer Erhabenheit, die sich seinen Besucher ein wenig klein fühlen ließ.

      Frau Theissen lächelte nun wieder. Sie nahm ihren neuen Gast kurzerhand am Arm und führte ihn zu dem für ihn vorgesehenen Platz an der Tafel. „Bitte, lieber Herr Renatus, ist Ihnen dieser Platz angenehm?“

      „Absolut, Frau Theissen.“ Leon hatte zudem ohnehin keine Chance auf Widerspruch. „Ein wunderbarer Platz, vielen Dank!“ Und mit einer kleinen Verzögerung fügte er hinzu: „Offensichtlich haben Sie heute eine voll besetzte Tafel.“

      Frau Theissen war bereits schon wieder auf dem Weg in ihre Küche. Doch beim Herausgehen antwortete sie Leon noch kurz: „Ja, ist das nicht wunderbar?“

      Als Leon sich an den Tisch setzte, fühlte er sich recht alleine und verlassen. Da saß er nun, in einem prächtigen Raum, vor all diesen herrlichen Sachen aus längst vergangener Zeit. Hier waren sie aber noch fast lebendig, hier war die Zeit für sie stehen geblieben, hier konnten sie ihre ganze Würde und Eleganz noch ungeachtet moderner Vorlieben zeigen.

      „Guten Abend der Herr!“ Leon wurde mit diesem Gruß aus seinen Gedanken gerissen und er erhob sich unwillkürlich von seinem Platz. Ein alter Herr, Leon schätzte ihn sofort auf Anfang Siebzig, hatte den Raum betreten und stand nun neben dem neuen Mitbewohner. „Mein Name ist Schilling.“ Er reichte Leon die Hand. „Marius Schilling.“ ergänzte der Herr. „Langzeitbewohner dieser schönen Villa und bekennender Nutznießer der fulminanten Hospitalität der Eignerin, der von mir überaus verehrten Frau Theissen.“

      Leon schüttelte sichtlich beeindruckt die Hand seines Gegenübers. „Leon Renatus.“ retournierte er höflich. „Seit gestern Abend neuer Dauermieter und somit wohl Ihr Nachbar.“ Er schaute dem alten Herrn nun freundlich aber durchaus fest ins Gesicht. „Dann irre ich mich wohl nicht, wenn ich davon ausgehe, dass Sie der werte Herr `Professor´ sind, von dem Frau Theissen in so vorzüglicher Weise mir gegenüber bereits geschwärmt hat?“

      Ein Lächeln kam über sein Gesicht. „Es ist wohl an dem, dass die liebe Frau Theissen mitunter einmal zur Übertreibung neigt. In meinem Falle, so gut es auch immer von ihr gemeint sein mag, so sehr es mir auch zur Ehre geneigen sollte, ist ein überschwängliches Lob weder angebracht noch in meinem Sinne.“ Nun erwiderte der Alte den Blick seines jüngeren Gegenübers in ebensolcher Festigkeit. „Es wäre mir demnach das Liebste, junger Mann, wenn Sie meine Habitulation einfach außer Acht ließen und mich mit meinem Namen ansprechen, der recht einfach und sich somit auch leicht merken lässt. Wie gesagt: Schilling. Marius Schilling. Das sollte zwischen uns genügen.“

      Daraufhin setzte sich der Ältere an den Tisch, an den Platz direkt gegenüber von Leon, der höflich abwartete, bis Herr Schilling, der Professor, sich den Stuhl zurecht geschoben hatte, um sodann selbst wieder Platz zu nehmen.

      „Wie ich vernommen habe, wurden Sie durch Vogelgesang geweckt. Von Sperlingen und wohlmöglich auch Finken? Dann waren es ja vielleicht Letztere, die Ihnen rieten, Ihren ersten Tag in diesem Städtchen mit dessen Erkundung zu verbringen. Und ich hoffe doch sehr, dass Ihnen das Erlebte einen positiven Ersteindruck vermitteln konnte, Sie sich Ihres Zugegenseins nicht gleich schämten, schlimmer noch, sich gar grämten.“

      „Es war ein wirklich schöner Tag.“ antwortete Leon schnell. Und er meinte es ja sogar ernst. „Wenngleich es mir die vielen Touristen nicht unbedingt angetan haben, man diesen ja nur sehr schwer aus dem Weg gehen kann, so war doch meine Exkursion in die Gässchen und Lädchen am Rande der Routen von erhellenden Entdeckungen СКАЧАТЬ